Kingdom Come: Deliverance – Test / Review

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Genre: RPG, Open World
Entwickler: Warhorse Studios
Publisher: Warhorse Studios
Plattform: PC, PS4, Xbox One
Altersfreigabe: 16 Jahre
Release: 13.02.2018

Keine Magie, keine Drachen, aber dafür die raue Atmosphäre des Mittelalters. So in etwa lässt sich Kingdom Come: Deliverance zusammenfassen. Der Entwickler Warhorse Studios ordnet das Spiel dem realistischen Erlebnis des Mittelalters unter. Dass ein Open World Titel auch ohne die gängigen Fantasy-Bausteine unterhaltsam wirken kann, zeigt euch dieser Test.

Game of Thrones trifft auf das mittelalterliche Böhmen

Heinrich verlor seine Eltern und schwört Rache.

Die Geschichte beginnt Anfang des 15. Jahrhunderts in Böhmen. König Karl IV. ist gestorben und sein Sohn Wenzel übernimmt den Thron. Den Fokus auf Gelage und Frauen gelegt, bekommt er den Beinamen “der Faule”. König Sigismund von Ungarn, Wenzels Halbbruder, überfällt Böhmen, sperrt Wenzel ein und versucht wieder Ordnung ins Reich zu bringen. Das schreit doch förmlich nach Game of Thrones! Einen eben solchen Überfall erlebt auch Heinrich, der Sohn eines Schmieds, in Skalitz und verliert seine Eltern. Im Zuge der Ereignisse flieht er aus dem Dorf und landet in Talmberg. Nach Rache sehnend steckt Heinrich mitten im adeligen Konflikt zwischen Halbbrüdern.

Hübsche Natur, schwere Kämpfe und jede Menge Alltag

Das Schicksal von Heinrich führt euch quer durch das böhmische Land und lässt euch allerhand interessante Geschichten entdecken. Beim Reisen trefft ihr mal auf Bettler, Rätselsteller oder Ritter, die euch zum Kampf herausfordern.

Beim Schwerkampf müsst ihr eure Angriffe variieren, um erfolgreich zu sein.

Ihr tragt zu Beginn zwar das Schwert, das für den Herrn Radzig geschmiedet wurde, bei euch, könnt aber noch wenig bis gar nichts damit anfangen. Auch nachdem ihr eine Unterweisung in die verschiedenen Kampfkünste erhalten habt, könnt ihr nicht einfach auf eigene Faust die ungarischen Besatzer bezwingen. Die Entwickler haben sich Gedanken gemacht und ein erfrischendes und forderndes Kampfsystem eingeführt. Stumpfes Draufhauen auf eine Stelle könnt ihr euch getrost sparen! Blocken, Kontern und Abwechslung sind wichtige Elemente beim Schwertkampf. Beim  Bogenschießen wird eure Geduld noch ein wenig mehr getestet. Ohne Fadenkreuz und mit zitternder Hand sollt ihr eure Ziele erlegen. Mit geringer Fähigkeitsstufe ist das nahezu unmöglich! Das ist zwar sehr anstrengend, aber motivierend sich zu verbessern.

Aber seien wir doch mal ehrlich: Woher soll ein einfacher Schmiedesohn die Kunst des Kampfes erlernt haben?

Scharfe Worte sind mehr wert als scharfe Klingen

Unter Herrn Radzig entwickelt sich Heinrich zum Kämpfer.

Im Gegensatz zu anderen Open World Spielen steht der Kampf bei Kingdom Come: Deliverance im Hintergrund. Vielmehr müsst ihr Personen mit eurem Charisma und eurer Redegewandheit überzeugen. Einfluss auf euren Erfolg nimmt auch euer Aussehen. Ihr strahlt nicht gerade Glaubwürdigkeit aus, wenn ihr mit verdreckten Klamotten oder verwundetem Gesicht Überzeugungsarbeit leisten wollt. Im Gegensatz dazu hält man euch aber für einen Adeligen, wenn ihr mit glänzendem Brustpanzer daherkommt.

Ihr habt die Möglichkeit Quests auf verschiedene Art und Weise anzugehen. Ihr könnt Charaktere bestechen, Empathie ausstrahlen oder ihnen einfach mal Prügel androhen. Neben den verschiedenen Herangehensweisen gibt es auch eine Fülle an verschiedenen Quests im Spiel. Mal müsst ihr Nachtigallen nur anhand des Geräuschs erkennen und einfangen und ein anderes Mal müsst ihr euch in ein Kloster einschleusen und den Alltag eines Mönchs nachspielen. Da kann eine Quest schon einmal über mehrere Stunden gehen und euch richtig in Anspruch nehmen!

Keine Klassen, aber Fähigkeiten

Heinrich schwört Rache auf den glatzköpfigen Hauptmann.

Ihr könnt in Kingdom Come keine bestimmte Klasse auswählen, aber ihr habt die Möglichkeit verschiedene Berufszweige und Fähigkeiten zu verbessern, die euch im Spiel weiterhelfen. Eine regelmäßige Wiederholung der verschiedenen Fähigkeiten ist essentiell für euch, damit ihr merklich besser werdet.  So könnt ihr euch zum Beispiel bei einer höheren Stufe in der Alchemiekunst mehr Fehler beim Tränkebrauen erlauben.

Neben den Fähigkeiten, müsst ihr auch auf die physische Gesundheit von Heinrich achten. Regelmäßiges Essen und eine vor allem zu Beginn sehr begrenzte Ausdauer gehen das ein oder andere mal auf die Nerven. Kämpfen kostet euch Kraft, die gefühlt nach zwei Schlägen erschöpft ist, so dass  ihr die Angriffe des Gegners nicht mehr blocken könnt und Schaden erleidet. Jeder Fähigkeitspunkt im Bereich Stärke ist da ein willkommener Gast! Je höher eure Stärke ist, desto mehr Gewicht könnt ihr tragen. Dies ist insbesondere dann sinnvoll, wenn ihr mit voller Rüstung durch die Landschaft streift.

Bei der Nahrungsaufnahme müsst ihr darauf achten, dass ihr keine verdorbenen Lebensmittel zu euch nehmt, weil diese euch schwächen. Theoretisch ist es ein guter Aspekt des Spiels, kostet aber hin und wieder Zeit und Geduld.

Viele kleine Geschichten in Böhmen überschatten das große Ganze

Die eigentliche Geschichte verliert sich etwas in der Open World. Ich hatte das Gefühl nur ein kleines Rad im großen System zu sein. Was in Anbetracht der üblichen “der auserwählte Held rettet die Welt im Alleingang”-Szenarien sehr erfrischend ist! Wenn ihr euch die Zeit nehmt, lernt ihr alle möglichen Bereiche des mittelalterlichen Alltags kennen. Hier ein bisschen Hehlerei unter Müllern, dort eine Jagd mit dem Adel. Es lohnt sich sehr die Nebenquests zu erledigen und mit den NPCs zu reden, da ihr spannende Einblicke in ihren Alltag erhaltet. Wie wäre es mit einer durchzechten Nacht zusammen mit einem Geistlichen und anschließender improvisierter Predigt vor der Gemeinde?

Kingdom Come: Deliverance bietet euch eine große Breite an zeitgenössischen Weltansichten und Alltagsproblemen, die allerdings meist nur leicht angerissen werden. So kann euch mal was entgehen, wenn ihr nicht ganz aufmerksam seid. Das ganze wirkt wie ein hübscher Exkurs in das 15. Jahrhundert mit glaubhaften Rahmenbedingungen.

Es ist nicht alles hübsch im alten Böhmen

Das Entwicklerstudio Warhorse Studios hat den Fokus auf ein realitätsnahes Mittelaltererlebnis gelegt und das Ziel erreicht. Leider bleibt dafür einiges auf der Strecke, das zum Teil den Spielfluss stören kann.

Die Story führt euch an sehr viele Orte, die grafisch sehr gut umgesetzt wurden. Egal ob ein dichter Wald, das rege Treiben in Rattay oder eine Mühle am Fluss; jeder Ort lädt euch dazu ein, Inne zu halten und sich der Atmosphäre hinzugeben. Aus diesem Grund solltet ihr öfter mal auf die Schnellreise verzichten und selbst ausreiten! Ihr werdet den ein oder anderen besonderen Ort entdecken können. Trotz der schönen Landschaft liefert die Grafik auch einige Fehler. Texturen laden nicht und ploppen plötzlich auf, NPCs bleiben gerne mal auf einer Treppe hängen und die Animationen während der Dialoge läuft auch nicht flüssig.

Heimlich oder stark? Ihr habt die Wahl.

Auch der Sound macht so einiges richtig. Gut platzierte Musik unterstreicht den Flair des Mittelalters, ebenso wie raue Dialoge, die an Piranha-Bytes-Spiele erinnern. Bekannte Synchronsprecher runden diese Atmosphäre zusätzlich auf. Bei den Dialogen solltet ihr manchmal mehr Zeit einplanen. Es kommt nicht selten vor, dass ein wütendes Pamphlet verfasst wird und sich gegen den Adel, die Ketzer und den Rest der Welt richtet. Etwas störend fällt schnell auf, dass der Untertitel und das gesprochene Wort nicht zueinander passen. Am besten ihr lauscht einfach dem Dialog, anstatt den Untertitel zu lesen.

Neben diesen kleinen Schönheitsfehlern gibt es noch weitreichendere Sorgen. Manche Quests lassen sich nicht weiterführen oder abschließen, da gewisse Ereignisse nicht eintreten. Mein Problem im Spiel war vor allem die Quest Tanz mit dem Teufel. Die drei Damen, die man Nachts im Wald beobachten muss erscheinen nicht am Treffpunkt. Sobald es dunkel wird, wartet die eine Dame vor dem Wald, geht aber nicht rein. Die beiden anderen Damen scheinen auf ewig im Wald verbuggt zu sein. Solche Fehler können euch schlimmstenfalls einige Stunden zurückwerfen.

Fazit

Kingdom Come: Deliverance bietet euch ein atmosphärisches Abenteuer mit mittelalterlichen Flair. Ihr könnt eintauchen in eine von historischen Fakten inspirierte Welt, ohne die üblichen Fantasy-Bausteine. Genau das ist das stärkste Argument für mich gewesen: Endlich mal ein RPG ohne Magie!

Für die tolle Atmosphäre müsst ihr leider einige Abstriche im Bereich Grafik und Gameplay machen. Aktuell stören einige Bugs den flüssigen Spielfluss, insbesondere beim Questen. Solltet ihr keine Probleme damit haben, dass das Spiel manchmal noch etwas unrund läuft, dann solltet ihr Kingdom Come: Deliverance auf jeden Fall ausprobieren. Das Spiel verlangt viel Selbstständigkeit von euch und ist richtig fordernd! Ich kann die Stunden nicht zählen, die ich vergeutet habe, um den Wicht im Schwertkampf zu besiegen.

Es ist kein klassischer Heldenepos, sondern eine realitätsnahe Geschichte, was dem ganzen eine besondere Note gibt. Die verschiedenen Dinge, auf die ihr achten müsst, bringen zusätzlich Elemente einer Simulation mit sich, die das Spielgefühl noch realistischer gestalten. Das Spiel zeigt, dass man auf typische RPG-Elemente wie häufige Kämpfe oder Magie verzichten und trotzdem ein sehr unterhaltsames Spiel entwickeln kann.

Wenn Warhorse Studios die notwendigen Patches raushaut und die Fehler fixt, ist Kingdom Come: Deliverance eine absolute Bank unter den Open World Titeln!

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8.8 Glaubhafte Mittelalteratmosphäre

Kingdom Come: Deliverance überzeugt mit seiner Atmosphäre und dem großen Spielspaß! Grafisch und im Gameplay gibt es noch Luft nach oben.

  • Grafik 7
  • Story 10
  • Gameplay 8
  • Spielspaß 10
  • Wertung (1 Votes) 8.5

Über den Autor

Redaktion Gaming und Musik// Pc und Xbox One//

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