Kenshi – Interview mit dem Entwickler

Seit dem 6. Dezember 2018 hat Kenshi den Early Access verlassen und der Open-World-RPG von Lo-Fi Games heimst seitdem sehr gute Kritiken auf Steam ein. Grund für uns, einen genaueren Blick auf den Sandbox-Titel zu werfen und uns ein eigenes Bild von Kenshi zu machen – und dem Game Designer Chris Hunt ein paar Fragen zu seinem Werk zu stellen.

Als Held die Länder bereisen, zahllosen Feinden das Handwerk legen? Mit einer besonderen Macht seine Widersacher in die Flucht schlagen, vom Schicksal auserkoren sein, um einer höheren Bestimmung folgend die Geschichte zu verändern? Der Auserwählte für Millionen von Menschen zu sein und das Ziel verfolgen, seinem Ruf gerecht zu werden und als Stern am Bild des Horizontes für nachfolgende Generationen ein Vorbild und Held zu sein? Tja, dann vergesst das mal schön. Denn in Kenshi seid ihr nichts von alledem.

Kenshi? Was ist das?

Schwer verwundet © Lo-Fi Games

Ihr seid nichts besonderes. Nicht einmal besonders böse, klug oder dumm. Ihr seid normal – wie jeder andere auf der Welt auch. Geheimnisvolle Kräfte? Fehlanzeige. Mächtige Verbündete? Nichts da. Irgendetwas, was euch von den anderen abhebt oder unterscheiden lässt? Nö. Ihr seid nichts weiter als eine weitere Seele in einer Welt voller anderer Seelen, die am Leben bleiben wollen und ihr Weg gehen. Wenn ihr etwas ändern wollt, dann nehmt es gefälligst selber in die Hand.

Mit diesem Prinzip lässt euch Kenshi buchstäblich auflaufen und gibt euch schon ab der ersten Minute zu spüren, dass ihr keine Vorzugsbehandlung bekommt, sondern wie jeder andere in Kenshi behandelt werdet. Seid ihr ein Sklave? Ab in die Mine und arbeiten. Seid ihr ein Räuber? Meidet das Gesetz und lasst euch bloß nicht erwischen. Seid ihr ein Wanderer? Bleibt misstrauisch und haltet euch an die Regeln des Landes. Seid ihr ein Farmer? Versucht euch nicht gegen euren Herrn aufzulehnen. Seid ihr ein Fürst? Dann behandelt eure Untertanen gut, sonst habt ihr schnell ein Messer im Rücken.

Eine Wüstenstadt © Lo-Fi Games

Ihr alleine habt die Möglichkeit, euer Leben in Kenshi zu ändern und den Weg einzuschlagen, den ihr möchtet. Solltet ihr ein bescheidener Farmer bleiben wollen, könnt ihr das tun. Das Spiel gibt euch keine Storyquests oder höheren Ziele vor, die erreicht werden müssen. Kein Tyrann muss gestürzt oder ein böser Dämon besiegt werden. Ihr kümmert euch um das, was um euch passiert und versucht dabei möglichst lange am Leben zu bleiben. Es gibt nicht viele Regeln für Kenshi.

Dabei ist die Grafik von Kenshi sehr einfach gestrickt. Die Engine ist veraltet und optisch macht das Spiel keine Luftsprünge. Technisch ist es hin und wieder etwas holprig und das HUD ist auf den ersten Blick ein wenig unübersichtlich. Doch das macht Kenshi mit guten Tutorials wieder wett.

Was kann ich denn alles machen?

Ein Kampf entsteht © Lo-Fi Games

Kenshi ist wie schon gesagt ein Open-World RPG zusammengeknüpft mit Sandbox-Elementen. Darüber hinaus gibt es allerlei Aufbau-Elemente, Trading-Möglichkeiten, ein Medizin-System, Gruppenfunktionen, Crafting-Elemente, Technologiebäume, Fraktionen und ein sehr ausgefeiltes Combat-System. Zudem verzichtet Kenshi auf Skill-Bäume oder ein Fähigkeitssystem, in welchem Punkte verteilt werden können. Stattdessen lernt der Charakter durch Taten. Wer zuvor noch nie ein Schloss geknackt hat, wird auch keine guten Fähigkeiten in diesem Handwerk vorlegen können. Hier gilt – learning by doing.

Die Möglichkeiten aufzuzählen, die ihr bei Kenshi machen könnt, würde ein eigenes Buch ausfüllen. Verpflichtet euch als Söldner, der für Kopfgelder Jagd auf Räuber macht. Bringt diese dann in das Gefängnis, um eure Belohnung zu bekommen, kauft davon neue Ausrüstung, bessere Waffen oder sammelt das Geld zusammen, um ein Leben außerhalb des Kampfes zu führen. Kauft euch ein Haus, zieht euch zurück und macht euch unabhängig. Vielleicht gründet ihr ja ein eigenes Dorf, welches zu einer ganzen Stadt mit Handelshäusern, Kasernen und Gaststätten zum Leben gebracht wird.

Eine selbst gebaute Stadt © Lo-Fi Games

Ich möchte damit sagen, dass Kenshi euch nur sehr selten Grenzen aufzeigt und den Spieler alleine für sich entscheiden lässt, was ihr tun wollt. Die einzigen Hürden, die euch in die Quere kommen könnten, wäre nur mangelnder Inhalt oder technische Hürden. Beispielsweise könnt ihr keine Raumschiffe bauen, um in das Weltall zu fliegen. Allerdings gibt das Szenario auch keine solche Möglichkeiten her. Das braucht es auch nicht.

Denn Kenshi spielt in einer Post-apokalyptischen Zeit, in der die Menschheit evolutionär zurückgeworfen wurde und zurück zu Schwert, Schild und Armbrust findet. Alte Bauwerke, die auf eine Neuzeit hinweisen, sind dennoch in der Welt zu finden. Was zu diesem Umstand geführt hat, wird leider nicht näher erläutert. Müsste ich Kenshi eine Jahreszeit in der Vergangenheit zuordnen, hätte ich 100-500 nach Christus gesagt – nur mit Strom und Armbrüsten.

Bau-Elemente © Lo-Fi Games

Denn in Kenshi hat sich die Elektrizität halten können. Generatoren können durch regenerative Energien oder fossilen Brennstoffen in Betrieb genommen werden, um so komplexere Gebäude und Maschinen zu nutzen. Beispielsweise benötigt eine Küche eine Stromquelle, um spezielle Rezepte zu nutzen und leckeres Essen zu kochen. Um bessere und neue Gebäude, Möbel und Maschinen bauen zu können, wird eine Forschungsstation benötigt. Dieses Zusammenspiel hätte schon für einen guten Echtzeit-Strategie-Titel gereicht, doch tatsächlich ist es nur eines von vielen Elementen in Kenshi.

Der Kampf

Natürlich ist auch das Kämpfen ein wesentlicher Bestandteil von Kenshi. Tatsächlich ist dieser nicht besonders spektakulär animiert aber dafür unglaublich technisch gestaltet. Denn im Kampf sind Zustände von Waffen und Ausrüstungen sehr entscheidend und es gibt unterschiedliche Schadensarten und Zustandselemente der Kämpfer. Eine Keule macht hierbei mehr Schlagschaden und weniger Schnittschaden als beispielsweise ein Schwert. Ein Unterschied, der mit der falschen Rüstung fatale Auswirkungen haben könnte.

Das Schlachtfeld © Lo-Fi Games

Das Rüstungssystem stellt sich aus Kleidungsslots und Rüstungsslots zusammen. Ein Farmer also braucht den Rüstungsslot nicht wirklich – ein Söldner dafür umso mehr. Sollte die Rüstung nicht besonders gut sein, können Waffen mehr Schaden bewirken und den Gegner schneller ernsthaft verletzen. Daher wäre ein Kampf mit einem Farmer schnell vorbei, da dieser überhaupt keine Rüstung trägt. Zudem können Rüstungen und Kleidungsstücke einen Einfluss auf verschiedene Fraktionen haben. Wer die Rüstung einer Wache der heiligen Nation klaut, sollte sich mit dieser lieber nicht in einer ihren Städte oder Patrouillen zeigen lassen.

Die Gesundheit eines Charakters wird in mehrere Bereiche unterteilt. Natürlich hat euer Charakter Hunger – Durst gibt es in Kenshi leider nicht. Zudem hat er einen Blut-Wert und einen Wert für jede Extremität, also für die Arme, Beine und den Kopf. Dazu noch Werte für die Brust und den Bauch. Dieser Wert liegt bei 100 und kann durch Rüstungen erhöht werden. Wenn einer der Werte unter 0 fällt, wird dieser unbrauchbar. Fallen mehrere Bereiche im Kampf unter 0, kann es passieren, dass der Charakter ohnmächtig wird.

In Gefangenschaft © Lo-Fi Games

In so einem Fall sollte schnellstens ärztliche Hilfe angewendet werden, da sonst bleibende Schäden bis zum Tod bleiben könnten. Bei hohen Werten im Minusbereich kann es sogar passieren, dass im Kampf mit scharfen Waffen die Gliedmaßen verloren werden können. Diese müssen dann durch Prothesen ersetzt werden, um weiter zu überleben. Sollte eure Gruppe also in einen Hinterhalt geraten und ärztliche Hilfe ist meilenweit entfernt, könnte das schon das Ende eurer Reise sein und ihr sterbt.

Fraktionen und Rassen

In Kenshi gibt es viele Fraktionen und Rassen aber hier möchte ich mich nur auf Menschen und Shek beschränken. Denn beide Rassen werden unterschiedlich von anderen NPCs behandelt. Bei einer Auseinandersetzung mit Wachen verhält es sich bei beiden Rassen gleich. Sobald besiegt, werdet ihr in die Minen geschleift und müsst dort in Sklaverei schuften. Die Sheks jedoch genießen zwar von Natur aus bessere Werte für physische Stärke und Talente im Nahkampf, werden von Anhängern der heiligen Nation als Monster geächtet. Daher werden auch friedliebende Shek von den Anhängern der heiligen Nation angegriffen und in die Minen verschleppt.

Der Charakter-Editor © Lo-Fi Games

Reisegruppen, in denen sich Sheks befinden, wurden schon häufiger von Patrouillen der heiligen Nation angegriffen und wer sich zwischen sie stellt – egal ob Shek oder Mensch – wird sofort mit bekämpft und in die Minen verschleppt. Banditen und Räuber haben keinerlei solcher Vorurteile. Sie rauben jede Rasse aus und töten jene, die sich wehren sollten. Allerdings können Fraktionen und Gruppen von NPCs die Kampfkraft von anderen Gruppen abschätzen und reagieren überlegt auf eventuelle Auseinandersetzungen.

Gesuchte Personen, die mit einem Kopfgeld versehen sind, meiden das Wandervolk, wägen aber bei Begegnung ab, ob der Zeuge zum Schweigen gebracht werden soll oder nicht. Allgemein verhält sich die KI sehr intelligent, auch wenn es den einen oder anderen kleinen aber entscheidenden Fehler hat. Dadurch lässt sich beispielsweise sehr leicht aus einer Mine und der Sklaverei fliehen. Aber wir wollen niemanden dazu animieren, Bugs auszunutzen.

Das Interview

Wir könnten noch stundenlang über Kenshi reden oder philosophieren, haben uns aber gedacht, dass es helfen könnte, den Game-Designer von Kenshi zu mit ins Boot zu holen und ihm einige Fragen zu stellen. Diese findet ihr nachfolgend auf Englisch:

I`m here with Chris Hunt, the Game-Designer of Lo-Fi Games, which developed Kenshi. Hello Chris, thank you very much for your time. Can you give us a short explanation of what Kenshi is?
A sandbox RPG/ RTS where you start out with nothing but a pair of pants and a rusty sword in a post-apocalyptic wasteland where everything wants to murder, eat, or kidnap you.

12 Years of development with Ups and downs. To get a better Overview about the progression of Kenshi: Can you give us a Rewind of the development of Kenshi?
For the first 7 or so years I worked on Kenshi alone, working part time on other projects to get by. Then Kenshi was in the first batch of 10 games to get Greenlit on Steam Early Access back in 2013. That was when I was able to afford a small team and development was able to take off. The size of the game required a lot of manpower, but I kept the team small for financial stability. Too many devs over-expand, abandoning projects because they run out of funds and I wanted to avoid this. So although it took us 5 years in Early Access, we were able to make a better and fuller game without rushing.

Where does the idea or inspiration of a post-apocalyptic scenario influenced by steampunk elements, sprinkled with asian highlights comes from?
I took a lot of inspiration from old samurai films and the combat scenes with ridiculously over exaggerated blood effects in Japanese cinema. Then growing up I also was a huge fan of post-apocalyptic classics like Mad Max and the Fallout series. We have our own races and wildlife in Kenshi though, I just got tired of the standard fantasy tropes and wanted to create something new.

There are so many possibilities for what you can do in Kenshi. Were there technical hurdles in programming to overcome?
Due to the long development time the engine became dated, but it was necessary that we had the control to customise everything in the game. We have a huge seamless map with placeable buildings – it’s great for not breaking immersion with transition screens and other limitations, but it really complicates everything else. It was difficult but worth it in the end.

Do the NPCs tell their own stories behind the back of the player combined with getting lost of the main track of their fate or is it a clever sequence of orders in programming?
The world simulates itself, so the other factions are running around the area doing their thing, nobody treats the player differently. It’s not uncommon to come across battlefields scattered with corpses where some fight went down without you.

Why did Lo-Fi Games decided to combine RPG-Elements with Building-Elements?
I just wanted total freedom for the player to play how they wanted. If you want to explore and role play, do it. If you just want to work on your own farm growing riceweed, do it.

Is there a hierarchy system in which a player can be King, Landlord or Earl and is able to promote or demote NPCs to special offices as Judge or some kind of ministers. What ideas did not make it into the game? What content is planned for the future?
The ability to break down/climb over walls for sieges, controller support, mounts, egg hatching and taming. These were all luxury features we considered but we just didn’t have time to add and didn’t seem as important to our vision for the game. We won’t be adding any more content, but we did manage to add some important luxury features before 1.0 such as crawling combat, unarmed combat, dismemberment, blood and ranged combat. We will continue supporting Kenshi, then we are starting a new project that we can hopefully announce in the new year.

The graphics aren`t very state-of-the-art and the technic is very simple made. Was it because of the early beginnings of developing of the game or did you focus on other aspects like provide a easy modable engine for the community to create new content?
It is mainly because our technology has aged, we’ve upgraded the game engine and worked around its limitations a lot but it’s pretty much pushed to its limit now. Only a major rewrite can improve it further. But I don’t consider graphics to be as important as gameplay and depth. Graphics can only do so much for a game, but I feel like people average so many hours of playtime from Kenshi – to me that’s worth so much more.

Schlusswort

Stadt im Nebel © Lo-Fi Games

Ich habe mich durch die positiven Kritiken auf Steam überzeugen lassen und bin auch mit entsprechenden Erwartungen in das Spiel eingestiegen. Tatsächlich aber konnte ich unglaublich viele und tolle Erfahrungen sammeln und besonders in einer Welt wie Kenshi fühlt sich jede kleine Errungenschaft, wie das eigene hergestellte Brot in den Händen zu halten und nicht mehr unterernährt zu sein, wie ein großer Sieg an.

Kenshi hält für den Spieler eine unglaubliche Menge an Inhalt bereit, daran besteht kein Zweifel. Wer über die rohe Grafik und kleinen technischen Ungereimtheiten hinwegsehen kann, wird hier problemlos hunderte Stunden in Kenshi versenken können. Ich bin auf jeden Fall begeistert von dem RPG-Sandbox Titel und werde mit meinem Charakter weiterspielen, der inzwischen erfolgreich aus der Sklaverei entkommen und mit seinen Freunden ein kleines Lager errichten konnte.

Wer zuletzt lacht, hat den höchsten Ping!

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