Mit Zuckerbrot und Peitsche – Filmkritik / Rezension zu 50 Shades of Grey

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Jaja, das wehleidige Thema 50 Shades of Grey. Um dem krassen Hype um diesen Film zu entkommen, hätte man sich wohl die letzten Monate im Innern des Pluto wohnlich einrichten müssen. Es war wirklich ÜBERALL. In den Nachrichten, im Internet, auf tausenden Plakaten in der Innenstadt… Ja, Freunde das war mit Abstand die wohl beste Marketingmasche seit Langem. Trotz erfolgreicher Ignoranz des Themas, wurde ich dann doch in den Film gezerrt. *seufz* Was tut man nicht alles für seine beste Freundin.

Wie Friedrich Nietzsche schon im 19. Jahrhundert gesagt hat: „Das Glück des Mannes heißt: Ich will. Das Glück des Weibes heißt: Er will.“ Und das wird auch 2015 wieder überdeutlich. Danke, E. L. James 😀

Story
Die 21-jährige Hauptfigur Anastasia Steele (Dakota Johnson) ist genauso schüchtern wie hoffnungslos romantisch. Sie studiert im letzten Semester englische Literatur (ja, was denn sonst?) an der Universität in Vancouver. Die klassische Szene, wie das Leben es fast immer schreibt: Da gibt es einerseits den gutherzigen, besten Freund José (Victor Rasuk), der seit Jahren in Ana verliebt ist. Und andrerseits den geheimnisvollen und viel cooleren Christian Grey (Jamie Dornan). Wer den Brunftkampf der Testosteronhelden gewinnt, wissen wir ja: Der 27-jährige selbstbewusste Milliardär verdreht der jungen Studentin gehörig den Kopf und schmeißt ihr Leben komplett durcheinander. Vor allem, weil er sie nicht nur als eine 0815-Geliebte haben will, sondern auch zur Erfüllung seiner speziellen sexuellen Gelüste. Und die sind alles andere als harmlos, denn Christian Grey fühlt sich in der BDSM-Szene (Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism) pudelwohl. Natürlich weigert sich Ana anfangs, als sie erfährt, worum es bei dieser Art des Sex geht. Auch, dass sie die unterwürfige (devote) Rolle in dieser Beziehung einnehmen soll, gefällt ihr gar nicht. Aber die Abwehrhaltung bröckelt schneller, als ihr lieb ist und wandelt sich schnell zu Interesse. Kurze Zeit später findet sie sich mit einem detaillierten Vertrag auf dem Schreibtisch im ‚Spielzimmer‘ des Mr. Grey wieder.
Die Story ist also schnell zusammengefasst. Ohne von vorneherein fies klingen zu wollen, aber anspruchsvoll geht anders.

Lüsterne Blicke im Luxus-Badezimmer von Mr. Grey

Lüsterne Blicke im Luxus-Badezimmer von Mr. Grey

Buch und Drehbuch
Da ich die Bücher nicht gelesen habe, werde ich mich hier nur zum Drehbuch äußern. Wie zu erwarten jongliert das Skript, das von Kelly Marcel geschrieben wurde, nicht mit epischen Dialogen. Aber trotzdem weiß die Drehbuchautorin, wie sie die Luft zwischen den beiden Hauptfiguren oft genug zum Knistern bringen kann. Gepaart mit Anas schlagfertigen Antworten, kann man das Drehbuch durchaus als akzeptabel ansehen.
Was besonders aufgefallen ist, sind die quasi nicht vorhandenen sadomasochistischen Motive, die die Geschichte eigentlich ausmachen. Bekannte, die das Buch gelesen haben, erklärten mir, dass die Sexszenen in der Romanvorlage verstörend detailliert beschreiben wurden. Im Film hatte man aber das Gefühl, dass die Sexszenen eher einem seichten Hausfrauen-Porno ähneln, als wirklichem SM-Sex. Diese Vermutung bestätigte eine kurze (definitiv verstörende!) Google-Bildersuche kurz nach dem Film.
Mir persönlich hätte es auch noch besser gefallen, wenn die Story, wie auch die Figuren, ein wenig mehr Tiefe bekommen hätten. Durch viele sehr eindimensionale Szenen wird der Film an einigen Stellen leider unfreiwillig komisch. Um Tiefe und damit möglichen Interpretationsfreiraum zu bieten, muss man keine epischen Dialoge schreiben. In Filmen sprechen ja bekanntlich die Bilder für sich. Aber bei einigen Sätzen des großen Christian Grey konnte ich nicht anders, als mir die Hand vors Gesicht zu schlagen. Facepalm-Momente vom Feinsten. Hier drei glanzvolle Beispiele:

Nr. 1

„Ich schlafe nicht mit jemandem. Ich ficke … hart.“

Warum dieser Satz ein kollektives Kichern im Kinosaal ausgelöst hat, ist mir schleierhaft. Einzige Erklärung: Das im Schnitt 16 Jahre alte Publikum kann ja noch nicht wissen, was wirklich guter Sex ist.

Nr. 2

„Würdest du mir gehören, könntest du eine Woche lang nicht sitzen.“

Ah, alles klar. Ob ihm bewusst ist, dass man das nach einem ausgiebigen Bauch-Beine-Po Training auch nicht kann?

Nr. 3

„Wir werden die Situation bereinigen.“

Das, liebe Nerds und Nerdins, war das wohl schlimmste Synonym für eine Entjungferung in der gesamten Filmgeschichte.

Schauspiel
Die schauspielerische Leistung war besonders von Dakota Johnson überraschend gut. Die junge Frau kennt man schon aus Filmen wie The Social Network oder 21 Jump Street. In 50 Shades of Grey hat sie die schüchterne und etwas naive Ana Steele sehr überzeugend auf die Leinwand gebracht. Pluspunkte sammelt die Figur vor allem durch Aktionen, wie den sturzbetrunkenen Anruf bei Christian. Diesen tollen Fremdschäm-Moment bringt Johnson sehr sympathisch rüber. Des Weiteren hat mich eine kleine (eher nebensächliche) Tatsache fasziniert: Haare. Ana Steele, wie Gott sie schuf… mit Bein- und Schambehaarung. Natürlichkeit in ihrer vollen Ausführung. In einer Gesellschaft von aalglatt rasierten Körpern, war das eine interessante Abwechslung und macht die Hauptfigur noch ein kleines bisschen sympathischer.
Gegen Ende des Films blieb besonders ein Moment im Gedächtnis: Und zwar der, in dem Ana innerhalb von Sekunden von der unterwürfigen Sub zur selbstbewussten Frau mutiert, die sich die Psycho-Bestrafungen ihres Liebhabers nicht länger gefallen lassen möchte.

Das momentan wohl berühmteste Orgasmus-Gesicht der Welt: Anastasia, gefesselt auf einem Bett aus rotem Leder, spürt was es bedeutet die Sub von Christian Grey zu sein

Das momentan wohl berühmteste Orgasmus-Gesicht der Welt: Anastasia, gefesselt auf einem Bett aus rotem Leder, spürt was es bedeutet die Sub von Christian Grey zu sein

Dass die Wahl der Produzenten auf den Iren Jamie Dornan fiel, überraschte viele Fans. Viele fanden ihn einfach nicht sexy genug für die Rolle des geheimnisvollen Mr. Grey. Ich persönlich war aber mehr als zufrieden mit der Wahl des Schauspielers: Ein nicht allzu trainierter Körperbau und eine sehr interessante Ausstrahlung machten ihn zur perfekten Besetzung (Wow. Ich habe definitiv eine Schwäche für die Männer der grünen Insel 😀 ). Das sympathische Gesicht des Schauspielers passte meiner Ansicht nach gut zur Figur des Christian, der eigentlich gar nicht so arrogant und kühl ist, wie er immer vorgibt zu sein.
Die schauspielerische Leistung Jamie Dornans war im Vergleich zu der von Dakota Johnson eher mäßig. Häufig wirkte er nicht überlegen und selbstbewusst, sondern steif. Die Figur ist schlicht und ergreifend der Stereotyp eines reichen Amerikaners. Wenigstens kann Dornan die Kontrollsucht Greys überzeugend auf die Leinwand bringen. Auch die arrogante und kühle Ausstrahlung der Figur trifft er gut, aber Dornan hätte definitiv noch mehr aus der Figur rausholen können.

Musik
Den Soundtrack des Films liefert niemand geringeres als Beyoncé mit dem Titel ‚Haunted‘. Ein ruhiger aber sehr kraftvoller Song, der gut zur Atmosphäre im Film passt.
Außerdem bleiben den Kinobesuchern noch The Weeknd mit ‚Earned It‘ und Ellie Goulding mit ‚Love Me Like You Do‘ im Gedächtnis. Die Wahl der musikalischen Untermalung war in meinen Augen sehr gut und hat dem Film das gewisse Etwas gegeben.

Fazit
Ich muss zugeben: Trotz der anfänglichen Skepsis, mit der ich in diesen Film gezerrt wurde, fand ich ihn am Ende gar nicht mal so katastrophal wie erwartet. Die schauspielerische Leistung war gut und die Musik, sowie das gewählte Genre, waren großartig und an den richtigen Stellen eingesetzt. Die ruhige Kameraführung war der Stimmung des Films angemessen und die gewählten Bilder (vor allem die Landschaftsbilder von Seattle) waren fantastisch. Aber leider sitzt man zwei Stunden im Kinosessel und wartet darauf, dass irgendetwas Spannendes passiert – und fühlt sich wie ein Sadist, wenn man die Bestrafung Anastasias als Pointe des Films in Erinnerung behält.
Aus meiner Sicht ist es der Regisseurin Sam Taylor-Johnson sowie den Produzenten (Michael De Luca, Dana Brunetti und E. L. James) aber nicht wirklich gelungen den „Mythos“ 50 Shades of Grey so zu präsentieren, wie sie es im Voraus versprochen haben. Es gab zwar einige gute Szenen im Film, aber ihn als Durchbruch in der Filmwelt zu betrachten oder ihn gar mit einem Oscar zu belohnen, wäre in meinen Augen mehr als übertrieben. 50 Shades of Grey ist ein Streifen für Fans von nicht allzu anspruchsvollen Filmen und super für Mädelsabende, wo eh jede im regelmäßigen Abstand am Schnattern ist.
Und am Ende ist es nur eine weitere Hollywood-Romanze. Tja, Romantik 2015 eben.

Wer von euch Bock auf anspruchsvolleres Kino hat checkt einfach unsere Review zum Oscar-Gewinner Birdman! 😉

6.2 Naja...

Unterm Strich ein Hype, wie jeder andere. Auch um Twilight wurde es schnell still. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt 😀

  • Besetzung 6
  • Bild 9
  • Musik 9
  • Regie 4
  • Drehbuch / Inhalt 3
  • Wertung (3 Votes) 0.2

Über den Autor

Studentin. Frohnatur. Lebenskünstlerin. Gedankenmacherin. Und für jeden Quatsch zu haben :D

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